Technik und Inspiration von Benjamin Britten

TECHNIK UND INSPIRATION
„Ich fing an zu komponieren, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Und warum fängt man an zu komponieren? Offensichtlich, weil man eine ganz große Liebe zur Musik hat. Allerdings gibt es viele Wege, Musik zu lieben.

Ich erinnere mich noch an meine ersten Versuche. Das Resultat sah aus wie die Forth-Brücke: Hunderte von Punkten, über die ganze Seite gesät, waren durch lange Linien mit wundervollen Schnörkeln verbunden. Ich muss zugeben: Was mich wirklich interessierte, war das Muster auf dem Papier, und als ich meine Mutter bat, es mir vorzuspielen, hat mir das Entsetzen auf ihrem Gesicht einen ziemlichen Schlag
versetzt. Bei meinem nächsten Versuchen nahm ich bereits mehr Rücksicht darauf, wie es klingen würde.

Ich hatte angefangen, Klavier zu spielen und komponierte kunstvolle Tondichtungen, die in der Regel etwa 20 Minuten dauerten und durch aufwühlende Ereignisse meines häuslichen Daseins inspiriert waren: die Abreise meines Vaters nach London, das Auftauchen einer neuen Freundin oder sogar ein Schiffbruch auf hoher See.
Das war alles schön und gut, und mir machte es Spaß, auf meine recht kindische und sorglose Art zu komponieren.

Aber einmal muss man erwachsen werden, und ich hatte das ganz große Glück, dass ich in diesem Alter einem Komponisten begegnete, dessen Namen Ihr, wie ich hoffe, alle kennt. Es ist Frank Bridge. Das war der Beginn jahrelangen Studiums und harter Arbeit. Er gab mir Harmonie- und Kontrapunktunterricht, übte schonungslose Kritik an meinen Kompositionen. Und ich, der ich mich bereits auf dem Weg zur Unsterblichkeit wähnte, sah alle meine Illusionen zerstört und kam mir sehr klein vor. Heute weiß
ich, dass dieser Abschnitt meines Lebens, der mir damals so voller Nöte und Zweifel erschien, in seiner Art das Beste war, was mir widerfahren konnte und was jeder junge Komponist einmal durchmachen muss …

Das Leben eines Komponisten von heute ist eine Mischung von Auftragsarbeit und freiem Schaffen. Je älter und unabhängiger man wird, desto weniger ist man auf Aufträge angewiesen, aber ich glaube, es ist ein guter Ansporn, etwas schreiben zu müssen, wozu man keine rechte Lust hat, denn dadurch erhält man sich zumindest seine Technik in bester Form. Ich kann nicht genug auf die Bedeutung der Technik hinweisen.

Überall im Leben ist es dasselbe: Ideen zu haben, ist nicht genug, wenn man sie nicht verwirklichen kann. Ich könnte den allerbesten Plan entworfen haben, wie man beim Tennis den Gegner ans Netz bringen kann, um dann den Ball über seinen Kopf wegzuschlagen, aber was hat dieser Plan für einen Sinn, wenn man keine flachen oder hohen Bälle schlagen kann. Offensichtlich ist es völlig nutzlos, eine gute Technik
zu besitzen, wenn man nicht die Idee hat, von dieser Technik Gebrauch zu machen; aber leider ist heutzutage in vielen Kreisen die Ansicht vertreten, dass technische Bravour eher eine Gefahr als eine Hilfe sei. Das ist barer Unsinn. Es hat noch nie einen Komponisten gegeben, der seinem Namen Ehre gemacht und nicht eine hervorragende Technik besessen hätte. Ich will noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass im Werk eines überragenden Künstlers Technik und Inspiration untrennbar sind. Ich möchte den sehen, der mir nachweisen kann, wo Mozarts Inspiration aufhört und wo seine Technik anfängt …

Noch etwas anderes. Werft nicht gleich die Flinte ins Korn, wenn Ihr ein neues Werk zum ersten Mal hört. Es gibt wenige Werke, die man sofort verstehen kann. Denkt, Musik ist durchaus keine leichte Unterhaltung, wenn das auch bei einem großen Teil der leichten Musik der Fall ist. Gebt Euch beim Hören keinen Wach-Träumen hin. Hört ernsthaft zu, wenn Ihr glaubt, dass es sich um Musik handelt, die Euch eines Tages
etwas bedeuten wird. Ich fürchte, vielen Leuten gefällt Musik nur deshalb, weil sie beim Hören in ihnen bestimmte Vorstellungen erweckt. Sie stellen sich prachtvolle Landschaften vor mit Wäldern und wogenden Bäumen oder sie sehen sich selbst in irgendwelchen Situationen. Vielleicht macht ihnen das Spaß, aber es ist nicht die Musik, die ihnen Freude bereitet, sondern es sind die Assoziationen, die die Musik in ihnen hervorruft.

Wirkliches Erleben, wirkliche Freude im Hören gehen wesentlich tiefer: Die Melodie, die wir in uns aufnehmen und um ihrer selbst willen lieben, der Rhythmus, der uns mitreißt, die Harmonien, die uns eben als Harmonien faszinieren, die restlose Befriedigung, die ein schön gefügtes Stück uns gibt. Das alles an sich sind Dinge, die ein guter Komponist Euch bietet. Der gute Zuhörer ist bereit, sie als solche aufzunehmen.“