Ulrike Sowodniok 1968-2019 [Selbst-Nachruf]

Ulrike Sowodniok schrieb auf Seite 223 ihres Buches STIMMKLANG UND FREIHEIT:
„Beginnen wir mit der Schwierigkeit des Verhältnisses von Musik und Klangberührung in der Gesellschaft. John Cage äußerte sich in ‘Gedanken eines progressiven Musikers über die beschädigte Gesellschaft’ 1972 zu dieser Frage: „‘lt may be that and it may be because people don’t know how to listen, that they haven’t
even thought what music could be or what it could do to them. I think that people can easily go to a concert and come away just as stupid as they were when they went in.’
Diese Kritik am Musikhören halte ich auch heute für angemessen. Die substantielle Beziehung zu Musik als Klangberührung ist schwierig zu erfassen. Die Bedeutung der ernsten Musik und der Unterhaltungsmusik wird in gleichem Maße an programmatischen, formalen und sprachlichen Konzepten gemessen, sowie an emotionalen, performativen und reizbewertenden Gewohnheiten. Musik ist immer schon eine eingeordnete und im wörtlichen Sinne beschriebene Form mit festgelegter klanglicher Bedeutung. Häufig muss dabei die Musik im Bedeutungsvergleich mit der Sprache in eine Konkurrenz treten, bei der sie im Punkt der genauen Zuordnung von Zeichen und Bezeichnetem stets verliert. Sie gilt deshalb in der Semiotik nicht als Zeichensystem. Trotzdem ist jede Form der Musik in ihren Spielpraktiken, Genre-Regeln und historischen Prägungen festgelegt. Eine Stimme im Jazz unterliegt
völlig anderen Klangidealen als in der Klassik. Im Jazz enden Phrasen beispielsweise mit einem emotional gefärbten Changieren des Klangs, einer Art von verzierendem Vibrato, das aber keinem funktionalen Aspekt folgt. In der Klassik soll eine Phrase stets auf einem ruhigen Ton enden mit Ausnahme von sehr erregten Phrasen. Ein affektives Vibrato ist nur innerhalb des Legato-Bogens gestattet. In der historischen Aufführungspraxis der „Alten Musik“ zählt das Vibrato nur als Verzierung, sonst muss generell vibratolos gesungen werden – für funktionale Sänger mit integriertem Vibratoklang ein Widerspruch in sich.
So sehen wir, dass Genres sich in vielfältiger und subtiler Weise zunächst gegenseitig abgrenzen und ausschließen. Der Druck der Erwartungshaltungen des Publikums und ein wertendes Vergleichen prägen die Rezeption jeder Musik. Gisela Rohmerts äußert sich in diesem Kontext: ‚Die Musik zerschellt an unseren Einfallstoren. Wir können uns nur noch analytisch oder geschmäcklerisch auf sie beziehen.‘“
An anderer Stelle (Seite 218) heißt es:
„Die Selbst- und Fremdberührung im Stimmklang […] kennt unendliche Spielformen, die in der Medialisierung auf eine Verlängerung ihrer Spielräume treffen. Ob Medieneffekte erlauben, das stimmliche Original wiederherzustellen und worin der Wert einer möglichst verzerrungsfrei abgebildeten Stimme liegt, kann uns zu ähnlichen Überlegungen anregen wie der Konsum von ökologischer und künstlich aufbereiteter Nahrung. Werden starke Kompressionsverfahren bei einer Aufnahme eingesetzt, wird es unmöglich, Aussagen über die inneren Verhältnisse einer Stimme zu treffen wie in den letzten Beispielen. Das Zentrum des Stimmklangs wirkt hier durchgängig weiß und verwaschen. Wir hören keine Stellknorpel, keine mediale Kompression etc. In gleicher Weise hatten wir […] kritisch das MP3-Format betrachtet, das letztlich in seiner Entwicklung nur auf den Modus der Sprachverständlichkeit ausgerichtet wurde und nicht auf Stimmklang.
Faszinierend am Stimmklang ist, dass es letztlich keinen Gleichklang gibt, wie es Chorleiter oder die Filter von Rundfunkstationen versuchen einzurichten oder zumindest zu suggerieren.
Auch wenn sich die Geräuschanteile und die Rhythmen, d.h. die Vibration und die Pulsation, zweier Stimmen mischen mögen, so dass sie beide aus der gleichen klanglichen Quelle schöpfen, es möglich wird, dass eine stabile Stimme eine brüchige
trägt nur durch die Überschneidung der klanglichen Spektren – selbst dann werden
zwei Stimmen niemals völlig gleich klingen. Stimmklang folgt stets dem Gesetz
der Fremdheit. Die Angst vor der Mitteilungslosigkeit im Konsens entspricht
nicht dem Klanglichen. Sie kommt aus der Sprache, die versiegt, wenn es nichts mehr zu sagen gibt, weil alle scheinbar einer Meinung sind.
Die klangliche Welt ist eine der Einheit durch Überlagerungen, in die Einzelne einmal konsonant – einmal dissonant verwoben sind. Virtualität überlagert dabei die Fremdheit des Stimmklangs, kann aber wie in den genannten Beispielen von ihr unterschieden werden.“