König David oder: Ist wirklich ein Ros entsprungen?

Fotoarbeit Komplimentärengel Thomas Bremser 1989

König David oder: Ist wirklich ein Ros entsprungen?
Eine musikalisch-biblische Erzählung über König David in der Vorweihnachtszeit. Und mit allerlei Warnung vor Verharmlosung

Idee: Thomas Bremser (2010/2019)
Neu erzählt und musiziert von D’Arianna (Winter 2019)

DAS NICHTS SCHICKT IMMER SEINE BESTEN LEUTE
Thomas Bremser (März 2019 – Kommentar zum neuen Video von RAMMSTEIN)


Folio I (Auszug)

[…] Henry Purcell tritt auf.
Henry Purcell:
Verehrter David! Sie wissen genau, was ich meine, wenn ich immer wieder meinen Schülern predige, den eigentlichen Grund für das Singen und vormalige Schreien als kleiner Wurm, bei sich selbst zu suchen. Wir Sänger, Sie und meine Wenigkeit wollen, ja alle lebendigen Wesen wollen geliebet werden. Mir, lieber David, haben die Götter aufgetragen, für meine Liebe zu singen. Jeden Tag diese Prüfung; um der Liebe Willen.

Nach einem Gespräch mit meinem Freund Johann Friedrich Agricola letzte Woche im Alumnat, hier in Leipzig, verkünde ich bei der Königin, und „Gott schütze Sie!“: Nun mehr erscheine ich, Orpheus, in England Orpheus Britannicus genannt, als Sänger, Heiler und Veranstalter früh-u. barocker Ereignisse.

Aber zurück zum Gesang. Lieber David, nachdem ich die bisherigen Lektionen gekonnt, meines Fleißes gewiss und glücklich bin, erscheine ich heute hier in öffentlicher Versammlung, vor einem Publikum in Leipzig. Aber was hilft es, sich nur da sehen und hören zu lassen? Wer auf der großen Schaubühne der Welt nicht eine würdige Rolle spielt, der macht keine andere Figur als eine stumme Person. Auch ich häufte Jahr um Jahr meine Fehler an. Aber es sind noch andere, hochverehrter David, welche nichts anders studieren als Fehler. Sie sind dabei mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit sie alle zu lernen, und mit einem treff-lichen Gedächtnis begabet, sie alle zu behalten. Ihre natürliche Neigung treibt sie so zum Bösen, dass, wenn sie vielleicht von der Natur mit einer schönen Stimme beschenket worden, sie ganz untröstlich sind, wenn sie den Kunstgriff nicht ausfindig machen können, sie in eine der schlechtesten zu verwandeln. Wenn eine große Menge von Sängern nicht bei sich überzeugt zu sein glaubten, dass sie schon genug gelernt hätten: so würde die Anzahl der recht guten nicht sogar gering, und hingegen der Haufen der schlechten nicht so ungeheuer groß sein. Diese, wenn sie vier Kyrie auswendig singen können, denken schon, dass sie das: Non plus Ultra erlanget haben. …Derartige Sänger glauben nicht, dass die Mittelmäßigkeit an einem Sänger Unwissenheit bedeutet. Hier David, lesen Sie vor! Die Musik drängt aus mir heraus.

König David:
Sweeter than roses, or cool evening breeze On a warm flowery shore, was the dear kiss, First trembling made me freeze, Then shot like fire all o’er. What magic has victorious love! For all I touch or see since that dear kiss, I hourly prove, all is love to me.

Nachdichtung von Thomas Bremser (2011) nach John Dryden’s „Seeter than Roses“; Musik Henry Purcell:
Süßlicher als Rosen Süßlicher als Rosen –
Ob kalt die Abendbrise wärmt uns uferlos
War das der Liebsten Kuss, der zittert kalte Wonne?
Da schoss aus mir heraus:
Welch‘ Sieg der Lieb, für die ich einzig schau!
Bis ich dann ALLES – ALLES
Und den lieben Kuss –
Fast stündlich für mich haben muss. […]


Folio IV (Auszug)
Henry Purcell:
Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sprach: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten, dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten. Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war in Rama zu hören. Lautes Weinen und Klagen. Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin.

[…] Folio V (Auszug)

Henry Purcell spricht Drewermann:

„Die Welt, die wir zu kennen glauben, kennt keine anbetenden Magier und keine wegweisenden Sterne; sie hat nicht Raum für Engel, die im Traum erscheinen, und keinen Ort, wo Rachel weinen kann. Alle Versuche, die Erzählung von der Geburt des Herrn in der so genannten Wirklichkeit der äußeren Tatsachenheimisch zu machen, führen im Grunde zu nichts. Ob der Stern von Bethlehem der Halleysche Komet war, ob eine Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische eine Rolle für die mesopotamische Astrologie spielte oder nicht, mag für eine bestimmte äußere Neugier von Belang. Ein Stern, der an dem Ort eines Königskindes wacht, ist nicht ein Gegenstand im Raum, sondern eine Vision des Herzens. Desgleichen ist die «jungfräuliche Geburt», als mythisches Symbol, ein Wunder der Seele, nicht des Leibes, eine Wandlung und Verjüngung des Bewusstseins, keine äußere Begebenheit.

Einzig ein König wie Herodes passt in die Welt der uns bekannten Wirklichkeit; alles, was sonst geschieht: Geburt, Anbetung, Kindermord, Flucht und schließlich die Heimkehr wird nicht nur von geheimnisvollen Schriften, Engelerscheinungen und Träumen begleitet und in Gang gebracht, es ist auch in sich selber offenbar Teil einer anderen Ebene der Wirklichkeit, und nur in dieser anderen, fast unwirklichen Wirklichkeit sind wir imstande, die Worte eines Engels zu vernehmen und einem Stern im Dunkeln nachzugehen. Auf dieser Ebene allein also kann man den Sinn der Erzählungen von der jungfräulichen Geburt des Gotteskindes verstehen: auf der Ebene der inneren Wahrnehmung, des Traumes, des Gefühls. Um das Geheimnis der Geburt des Herrn als solches zu erkennen, bedarf es im Matthäusevangelium ja bereits selbst des Engels der Verkündigung, und er muss sich im Traum Joseph zeigen, ehe dieser innerlich bejaht, was da geschieht.

Alles in der Erzählung spielt sich traumhaft ab; denn wirklich dass wir «erwachsen», «fertig» und «vollkommen» sind. Das Bild des Kindes ist für uns die Generalerlaubnis, end-lich anfangen zu dürfen und selbst von innen her zu leben. Und jede Stunde, die wir wirklich zweckfrei leben, bringt uns dem Bild des jungfräulich geborenen Gotteskindes näher. So eng hängt das zusammen, das Christus später sagen konnte: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen» (Mt 18,3) …
Musik von Henry Purcell „Deities…“[…]

„Die jungfräuliche Geburt oder: Die Magier und der König, die Flucht und die Heimkehr (Mt 1,18-25,2,1-23)“

„Wer seine Mannheit kennt und seine Weibheit wahrt, der ist die Schlucht der Welt. Ist er die Schlucht der Welt so verlässt ihn nicht das ewige Leben~ und er wird wieder wie ein Kind. Laotse: Tao te king, 28“

Quelle: Eugen Drewermann / Tiefenpsychologie und Exegese Die Wahrheit der Formen Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende (1984)