Orpheus am Rhein (2004-2010)

Was bisher geschah… Orpheus am Rhein [Zyklus von 2004-2010] von Thomas Bremser Orpheus am Rhein 2004 – 2010

2004 OaR1.6 “Sommernachtsträume” Prolog „Die Seele Orpheus spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus…“ (nach Joseph von Eichendorff, Mondnacht) Monolog Orpheus an den Rhein zu holen ist ein phantasievolles Unterfangen, voll archaischer Assoziationen und abendländischen Klängen aus 4 Jahrhunderten.

Wie weit Orpheus Seele spannt, werden wir am 1. Abend der sechsteiligen Reihe (2004-2010) ein wenig erhellen können. Natürlich steht die Stimme im Vordergrund und die, stellvertretend für viele, die sich um die menschliche Stimme (vox humana) verdient gemacht haben. Dialog Was wäre Orpheus ohne seine Eurydike, die irgendwann verschwunden war und stumm blieb. An dieser Stelle wollen wir mit dem Zyklus beginnen… Die Pianistin (Clara Schumann), die ohne Worte Klänge aus einem Flügel schöpft und Orpheus (Robert Schumann) begleitet in seinem Tonrausch. Selbstvergessen als „Singgefäß“, tönender Körper, schwelgt er in seinem AllmachtTraum, der nur zufällig im Sommer vorbeiflog, als er seine eigene Biografie am Ufer des Rheins las. Orpheus an den Rhein zu holen wird das Publikum aufhorchen lassen. Komponisten die Orpheus „umschwirren wie Motten das Licht“ stellen sich ihm in den Weg: Henry Purcell, Robert Schumann, Georg Friedrich Händel, Friedrich von der Spee, John Dowland, Thomas Morley, Richard Wagner, Christoph Willibald Gluck, Benjamin Britten, Johann Sebastian Bach, Johann Christoph Bach, Claudio Monteverdi, Wolfgang Amadeus Mozart, Claudin de Sermisy, Hector Berlioz, Georg Philip Telemann, Ralph Vaughn Williams, Dietrich Buxtehude, Franz Schubert, Thomas Campion.

Epilog = Prolog Der weltliche, alte Orpheus-Mythos Die inhaltliche Grundlage des Zyklus’ ist der Orpheus-Mythos. Orpheus verliert kurz nach der Hochzeit seine Braut Eurydike durch einen Schlangenbiss. Da Orpheus wunderschön singen kann, haben die Götter ein Einsehen und erlauben ihm, seine Frau aus dem Totenreich ins Leben zurückzuführen (weltliche Auferstehung). Die einzige Bedingung, die ihm dabei gestellt wird: Er darf seiner Frau in der Unterwelt nicht in die Augen schauen. Diese Forderung erfüllt Orpheus nicht und wird so zum „Doppelwitwer“. Zur Strafe soll er von den Mänaden zerrissen werden. Doch Apollo rettet ihn und lässt Orpheus zum Himmel aufsteigen (weltliche Himmelfahrt), wo er später nur noch Jünglingen vorsingen soll. (Hmm…?) Der weltliche, neuzeitliche Eurydike-Orpheus-Mythos [Thomas Bremser 1989]

2005 wären wir endgültig bei Eurydike. Orpheus wird funktionieren, dient lediglich als „Sing – Maschine“, taugt als „Klang – Produzent“. OaR2.6 “Orpheus begegnet Jesus von Nazareth” Es ist ein Ros’ entsprungen von Thomas Bremser „Si malum est deus est“ Wenn das Böse ist, dann ist Gott [Thomas von Aquin] Was wäre Orpheus ohne seine Eurydike, die irgendwann verschwunden war und stumm blieb. An dieser Stelle begannen wir Juni 2004 mit dem Zyklus. Die Pianistin, die ohne Worte Klänge aus einem Flügel schöpfte und Orpheus begleitete in seinem Tonrausch. Selbstvergessen als „Singgefäß“, tönender Körper, schwelgte er in seinem Allmacht-Traum, der wie zufällig im Sommer vorbeiflog, als er seine eigene Biographie am Ufer des Rheins las. Orpheus an den Rhein zu holen sollte das Publikum aufhorchen lassen. Orpheus ist auch weiterhin auf der Suche. Die Pianistin entwand sich ihm mit einer ungeheuren Forderung, die an dieser Stelle einfach keine Würdigung bekommen darf, und von der er sich nur leidlich erholte. Nach Weihnachten ist Orpheus’ nicht zumute. Er, der jahrzehntelang die Kantaten und Oratorien zum Besten gab, wird nicht mehr heimisch in der Amtskirche. Er wird ignoriert, verleumdet und ausgeschlossen. Singen will er noch. Deshalb veranstaltet er seinen eigenen Gottesdienst zur Weihnachtszeit. Ausgerechnet in einem Hotel wird die alte Geschichte erzählt. Assoziativ schreitet Orpheus durch die Lieder und Texte die ihm wie von selbst zufliegen. Die Machtphantasie, sein eigenes selbst gemachtes Weihnachten zu haben, beflügelt ihn. Jetzt nur nicht aufhören. Fast unmerklich aber spürbar begegnet Orpheus Jesus von Nazareth in aller feierlichen Stille, was beinahe für fremde Ohren ausgeschlossen worden wäre…[Thomas Bremser 2004]

2005 OaR3.6 “Eurydike darf nicht sterben Sehnsucht nach dem Zurück oder Wunsch nach einer neuen Wirklichkeit? Eine Opern – Pastete von Thomas Bremser Musik von Claudio Monteverdi, John Dowland, John Wilson, Joachim Neander, Henry Purcell, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel…Auf der „Queen Mary II“ trifft sich zwischen Zeit und Raum eine illustre Reise-Gesellschaft: Henry Purcell, der „Orpheus Britannicus“, Claudio Monteverdi, Schöpfer des „Orfeo“, nebst seiner Gattin, ein junges Paar, das sich in Illusion und Wirklichkeit des Orpheus-Mythos verwickelt – sie als die Anna Livia Plurabelle des James Joyce, er als sich wieder inkarnierender ’neuer Orpheus‘ Elvis Presley – ,eine Kommissarin von Scotland Yard, die das betrügerische Treiben oder sich ein Wahrheit erschaffendes Geschehen skeptisch begleitet und kommentiert, eine (er)trinkende „Primadonna“ und schließlich Eurydike – als Geist gefangen im Hades, sich befreiend im Wunsch nach neuem Leben, als Frau oder Muse Sehnsucht weckend, selber Sehnsucht und damit Urheberin von Illusion und Wirklichkeit, Geschöpf und Schöpferin des Mythos um den Gemahl und Sänger Orpheus. Antike Sage und Sang, Renaissance in der Musik, barocke Präsenz und drängender Rock n‘ Roll – Eurydike darf nicht sterben. Denn es entstehen neue Bilder, neue Werke der Kunst, neue Wirklichkeiten aus Illusionen und Realität, Parodie der Parodie. schlicht große wie kleine Oper. Und es geht wie immer und in jedem täglichen Leben nur um Mann und Frau, um Natur und Geist, wie sie sich verbinden, lösen, streiten, benutzen, Gemeinsames schaffen – eben nur leben, zu ‚leben‘ versuchen, Leben erschaffen und es sich nehmen – auch in Einsamkeiten. [Klaus Hundgeburt 2005]

2007

Die Prüfungsordnung John Dowland begegnet Orpheus in der Unterwelt Die Uraufführung einer Musik-Pastete OaR4.6 aus dem sechsteiligen Zyklus „Orpheus am Rhein“ [2004-2010] 3von Thomas Bremser [*1958] 30. November 2007 um 20:00 Uhr Liebfrauenkirche Duisburg – Mitte Thomas B Duo Orpheus – Thomas Bremser, Altus John Dowland – Thomas Bocklenberg, Lauteninstrumente Gäste Die Jünglinge des Gesanges – Choralschola St. Johannes Kirchhellen (Bottrop) Eurydike 2 / Caterina Martinelli (Caterinuccia) – Hannah S. Peifer, Gesang Claudio Monteverdi – Axel Herberhold, Gitarre

1. Abteilung Prolog „Die Ankunft von John Dowland und Orpheus“

Es kommt ein Schiff geladen l. Es kommt ein Schiff, geladen / bis an sein‘ höchsten Bord / trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters / Vaters / Vaters, ewigs Wort.

2. Das Schiff geht still im Triebe / es trägt ein teure Last / das Segel ist die Liebe / der Heilig Geist der Mast.

3. Der Anker haft‘ auf Erden / da ist das Schiff am Land / das Wort will Fleisch uns werden / der Sohn war / Sohn ist / Sohn wird uns gesandt.

6. Danach mit ihm auch sterben / und geistlich auferstehn / das ewig Leben erben / wie an ihm ist geschehn. Text: Daniel Sudermann um 1626 nach einem Marienlied aus Straßburg 15. Jh. Text-Bearbeitung: für OaR4.6 von Thomas Bremser Melodie: Anonym Köln 1608 Neukomposition: für OaR4.6 Fassung für Laute und Altus von Thomas Bocklenberg

Begrüßung „Mein lieber Freund und Gefährte John Dowland! Du weißt genau, was ich meine, wenn ich immer wieder meinen Schülern predige, den eigentlichen Grund für das Singen und vormalige Schreien als kleiner Wurm, bei sich selbst zu suchen. Wir Sänger und Menschen wollen alle geliebet werden. Mir haben die Götter aufgetragen, für meine Liebe zu singen. Jeden Tag diese Prüfung; um der Liebe Willen. Eurydike! ‚Ach ich habe sie verloren‘. John, hilf mir mit Deiner Kunst, bei der Gesangprüfung meiner Liebe!“

Hier mein Tagebucheintrag unserer gemeinsamen Zeitreise vom 30. November 2007 gegen 15:00 Uhr in Duisburg. Nach einem Gespräch mit Johann Friedrich Agricola [1720-1774] und mir, Orpheus, alias Henry Purcell in Duisburg.

„Nun mehr erscheine ich, Orpheus, in England Henry Purcell genannt, als Sänger, Heiler und Veranstalter barocker Ereignisse. Aber zurück zum Gesang: Lieber Johann Friedrich, nachdem ich die bisherigen Lektionen gekonnt, meines Fleißes gewiss und glücklich bin, erscheine ich heute hier in öffentlicher Versammlung, vor einem Publikum in Duisburg. Aber was hilft es, sich nur da sehen und hören zu lassen? Wer auf der großen Schaubühne der Welt nicht eine würdige Rolle spielt, der macht keine andere Figur als eine stumme Person. Auch ich häufte Jahr um Jahr meine Fehler an. Aber es sind noch andere, hochverehrter Freund Agricola, welche nichts anders studieren als Fehler. Sie sind dabei mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit sie alle zu lernen, und mit einem trefflichen Gedächtnis begabet, sie alle zu behalten. Ihre natürliche Neigung treibt sie so zum Bösen, dass, wenn sie vielleicht von der Natur mit einer schönen Stimme beschenket worden, sie ganz untröstlich sind, wenn sie den Kunstgriff nicht ausfindig machen können, sie in eine der schlechtesten zu verwandeln. Wenn eine große Menge von Sängern nicht bei sich überzeugt zu sein glaubten, dass sie schon genug gelernt hätten: so würde die Anzahl der recht guten nicht so gar gering, und hingegen der Haufen der schlechten nicht so ungeheuer groß sein. Diese, wenn sie vier Kyrie auswendig singen können, denken schon, dass sie das: Non plus Ultra erlanget haben. .. Derartige Sänger glauben nicht, dass die Mittelmäßigkeit an einem Sänger Unwissenheit bedeutet.“

Epilog: Durch den plötzlichen Tod meines Freundes Bernd Mischke kam es nicht zu OaR5.6. Ich verlor den Faden, und ich knüpfte auch nicht an OaR6.6.

Hier aber noch einmal die Konzeption von Orpheus am Rhein 5.6

CATERINUCCIA von Thomas Bremser (1958)

für Bernd

UA 27. Juni 2009 in der Ev. Stadtkirche Solingen-Gräfrath Darsteller

Caterinuccia (Sopran) Thomas Bremser – Henry Purcell/Orpheus II (Altus)

N.N. – Charles Burney von Scotland Yard (Erzähler) Thomas Bocklenberg – John Dowland Ensembles cappella vocale Du(ell)o Musicale Thomas B Duo

TEXTMATERIAL 1. Klaus Theweleit „buch der könige“ Band 1 „orpheus und eurydike“ 1988

2. „Das Gift dringt durch die Augen ein“ von Sir Reginald Scot [c.1538-1599] aus „The Discovery of Witchcraft“ [London 1584]

3. Susan McClary: „Konstruktionen des Geschlechts in Monteverdis dramatischer Musik“ Musik-Konzepte 88 (edition text+kritik, Herausgeber Metzger/Riehn) Claudio Monteverdi „Um die Geburt der Oper“

4. Eigene Texte + vorläufige Handlung + Musikmaterial

1. Eurydike/Caterinuccia Das Gift dringt durch die Augen ein! von Sir Reginald Scot [c.1538-1599] aus „The Discovery of Witchcraft“ [London 1584]

Genauso wie es eine Verzauberung oder Verhexung durch böse Blicke gibt, die Unheil bewirkt, gibt es verhexende Blicke, die zum Gegenteil zur Liebe führen, …oder die doch zumindest guten Willen und Zuneigung hervorrufen. Denn – wenn die Verzauberung oder Verhexung durch die Begierde, den Wunsch oder das Gelüsten nach irgendeiner schönen Gestalt oder einer Liebesbezeugung entstanden oder hervorgerufen worden ist, ist das Gift durch die Augen eingedrungen, auch aus großer Entfernung. Und der Eindruck einer schönen Form gelangt ins Herz des Liebenden, wo er das Feuer entfacht, an dem er dann leidet. Und weil das süße, zarte Blut der Geliebten dort wandert, ist sein Bild im eigenen Blut strahlend vorhanden, und kann dort nicht zur Ruhe kommen: und geheilt werden kann es nur, wenn das Blut dessen, der verwundet ist, zurückfließt und eindringt in den, der es verwundet hat.

2. Eigene Texte + vorläufiger Ablauf + Musik

Prolog Henry Purcell und John Dowland „Orpheus I am“ (Johnson) alleine auf die Bühne. Henry Purcell danach ab. John Dowland bleibt alleine und stimmt sein Instrument. Erster lauter Pfiff! (Off-Stage) Wie ein Signal auf einem Schiff. Sofort kommt das Ensemble auf die Bühne mit lautem „Hallo“ und eifrigem „Durcheinanderstimmen“. Auch die Cappella Vocale kommt lautstark auf die Bühne. Männer und Frauen rufen sich etwas zu. Zweiter lauter Pfiff! (Off-Stage) Stille! Caterinuccia tritt lachend und scherzend auf. Alle schauen auf sie! Sie hat eine Bootsmannspfeife um den Hals hängen. Dritter lauter Pfiff /Eurydike, danach Nr.4Tableau 1 1.

Das Ensemble, außer den beiden Sängern, betritt die Bühne. Nachstimmen.

2. Die Cappella Vocale tritt getrennt nach Frauen und Männern auf.

3. Caterinuccia/Eurydike tritt auf; danach bekommt Caterinuccia/Eurydike; Nähe John Dowland

4. Henry Purcell/Orpheus tritt auf und begrüßt das Publikum (Text)

5. Henry Purcell/Orpheus dirigiert die Toccata + Ritornell (Monteverdi)

6. Prolog Eurydike (Monteverdi)

7. Text: Eurydike

8. 1. Arie “Komm Du süße Todesstunde” Duett (!) (Bach)

9. Dialog “Eurydike u. Orpheus”

10. Cappella Vocale “Bonjour mon coeur” (di Lasso)

11.Text

13. Du(ell)o musicale (?) etwas sehr Lebendiges!

14. Text: Orpheus, der seine Eurydike beweint

15. Thomas B Duo “I saw my lady weep” (Dowland)

16. Cappella Vocale / Sestina I (Monteverdi) – 1. + 2. Teil

17. Du(ell)o musicale mit Henry Purcell / “O bellezza gentile” (Quagliati)

18. Text: Eurydike

19. Cappella Vocale / Sestina II (Monteverdi) – 3. Teil

20. Thomas B Duo “Flow my tears” (Dowland)

21. Cappella Vocale / Sestina III – 4. Teil Tableau 2

22. Traumsequenz (!) Eurydike und Orpheus / Du(ell)o musicale / Chaconne (Purcell) Tableau 3

23. Probe Caterina Martinelli mit John Dowland / Lasciare Cadenza für Altblockflöte Solo (Bocklenberg) Improvisation zum Lamento d’Arianna

24. “Lasciate di morire” (Monteverdi) / Lamento d’Arianna / Caterinuccia/Eurydike verlässt die Bühne Tableau 4

25. Cappella Vocale / Sestina IV (Monteverdi) – 5. + 6. Teil

26. Du(ell)o musicale (?) B. Finale

27. Choral BWV 161 /2 Strophen (Bach)

28. Alle von der Bühne Tableau 5 C. Epilog

29. Caterinuccia/Eurydike hat sich mittlerweile ganz in schwarz gekleidet. Sie kommt langsam auf die Bühne und liest den Text „Das Gift dringt durch die Augen ein. Danach betreten Henry Purcell/Orpheus und John Dowland die Bühne. Caterinuccia/Eurydike geht langsam auf Henry Purcell/Orpheus zu und gibt ihm die Bootsmannspfeife. Schließlich dreht sie sich mit dem Rücken zum Publikum, dann attacca:

30.„Sweeter than roses“ (Purcell) ENDE D. Applausordnung Applaus (!?) 1. Caterinuccia/Eurydike – John Dowland – Henry Purcell/Orpheus: Applaus 2. Die Drei ab 3. Cappella Vocale alleine und bleibt auf der Bühne: Applaus 4. Andreas von Pavel + Du(ello) musicale und bleiben auf der Bühne: Applaus 5. Alle verbeugen 6. Dann Caterinuccia/Eurydike – John Dowland – Henry Purcell/Orpheus: Applaus 7. Das ganze Ensemble verbeugt sich. E. Zugabe (?) „Komm Du süße Todesstunde“ 1. Arie (?)

Caterinuccia* / Der rote Faden Unser “Hörspiel” Caterinuccia beschäftigt sich in Musik und Text mit der Geschichte der römischen Sängerin Caterina Martinelli (1591-1608), die im Alter von 13 Jahren (1603) die Schülerin von Claudio Monteverdi (15671643) wurde. Im dem selben Jahr starb Monteverdis Tochter Leonora Camilla kurz nach der Geburt. Caterina Martinelli lebte von da an bis zu ihrem frühen Tod bei der Familie Monteverdi. Sie wurde als großartige Sängerin beschrieben und Monteverdi komponierte für sie die Titelrolle in seiner Oper Arianna (UA 28. Mai 1608). Kurz vor der Premiere verstarb Caterina Martinelli, genannt Caterinuccia, mit 17 Jahren an den Folgen einer Pockeninfektion (9. März 1608). 1610, auf Geheiß des Herzog von Mantua komponierte Monteverdi einen Madrigalzyklus, den Scipione Agnelli anläßlich des Todes von Caterina Martinelli verfasst hatte. Die cappella vocale wird dieses Werk, Sestina “Lagrime d’amante al sepolcro dell’amata”, in der Veranstaltung Caterinuccia singen. Die Verknüpfung mit den mythologischen Figuren, Eurydike und Orpheus, Claudia und Claudio Monteverdi, Francis Purcell und Henry Purcell, lag nahe und trieb die dramatische Entwicklung in dem Zyklus Orpheus am Rhein, der im Jahre 2004 begann, sinnvoll fort. Am 24. Februar 1607 als der L’Orfeo von Monteverdi in Mantua urauffgeführt wurde, war Monteverdis Frau, die Sängerin Claudia Monteverdi, schwer erkrankt und starb schließlich am 10. September 1607. Fragen: Wird der Sänger Orpheus seine Eurydike wieder finden? Bleibt sie im Totenreich zurück? Ist es etwa Caterina Martinelli? Hat Eurydike doch überlebt und ist jetzt mitten unter uns? * Der musikwissenschaftliche Hintergrund, außer die frei erfundene dramaturgische Ebene, stützt sich auf das Buch Monteverdi

(3. Auflage 2002 www.laaber-verlag.de ) von Frau Prof. Dr. Silke Leopold, Universität Heidelberg

Text Martinelli 1

Ich, Caterina Martinelli, das kleine römische Mädchen, mit der klaren Stimme, weshalb man mir immer zurief: „Caterina, Caterina! Unsere kleine Caterinuccia, komm sing und spiel uns was vor!“. Ich gehorchte brav, auch als mich mein Vater mich schließlich mit 13 zu den Monteverdis brachte. Meine kleine süße Stimme reichte eben nicht für den Beruf der Sängerin, der nun mal für mich vorgesehen war. Eine Sängerin am Hofe Mantuas war eine Person, hatte nicht nur ein Funktion, eben nicht nur ein kleines kesses Mädchen, machte eine Figur vor dem Herzog. Ja, der Herzog von Mantua – er hatte etwas freundliches, überaus Liebenswertes auf der einen Seite seiner Seele. Die andere Seite war, wie soll ich es ausdrücken? – Sie war schwarz und undurchsichtig.

Text Martinelli 2 Das Gift dringt durch die Augen ein! von Sir Reginald Scot [c.1538-1599] aus „The Discovery of Witchcraft“ [London 1584] Eurydike / Caterinuccia spricht: Genauso wie es eine Verzauberung oder Verhexung durch böse Blicke gibt, die Unheil bewirkt, gibt es verhexende Blicke, die zum Gegenteil zur Liebe führen, oder die doch zumindest guten Willen und Zuneigung hervorrufen. Denn wenn die Verzauberung oder Verhexung durch die Begierde, den Wunsch oder das Gelüsten nach irgendeiner schönen Gestalt oder einer Liebesbezeugung entstanden oder hervorgerufen worden ist, ist das Gift durch die Augen eingedrungen, auch aus großer Entfernung. Und der Eindruck einer schönen Form gelangt ins Herz des Liebenden, wo er das Feuer entfacht, an dem er dann leidet. Und weil das süße, zarte Blut der Geliebten dort wandert, ist sein Bild im eigenen Blut strahlend vorhanden, und kann dort nicht zur Ruhe kommen: und geheilt werden kann es nur, wenn das Blut dessen, der verwundet ist, zurückfließt und eindringt in den, der es verwundet hat.

Text Martinelli 3 Textmaterial zu Orpheus und Eurydike Der rote Faden von Thomas Bremser Hänsel, der kleine Orpheus Hänsel: Gretel ich weiß den Weg nicht mehr! Gretel: O Gott! Was sagst du? Den Weg nicht mehr? Hänsel: Was bist du für ein furchtsam Wicht! Ich bin ein Bub’ und fürcht’ mich nicht. Adelheid Wette (1858-1916), Schwester von Engelbert Humperdinck (1854-1921) Sie schrieb das Libretto zu Hänsel und Gretel.

Text Martinelli 4 Ich bin ein Bub’ und fürcht’ mich nicht! Jaja, wer’s glaubt wird selig! Genau an dieser Stelle begannen wir 2004 mit der Idee zu Orpheus am Rhein. Die Rolle des Buben, der so gerne seiner Schwester, die sich zwar auch fürchtet, aber im Endeffekt die Ideen und Auswege kennt, den Weg aus dem dunklen Wald zeigen will. Ich glaub’, nein ich bin sicher, dass wir da begannen, uns Gedanken über Orpheus den Sänger und Heiler zu machen. Kann ein Sänger auch Entdecker, Liebhaber, Erlöser und Freund sein? Kann es Orpheus schaffen seine Eurydike ein zweites Mal aus dem Totenreich zu befreien. Oder war Eurydike vorsorglich in eine andere Haut geschlüpft und nicht wirklich gestorben? Hatte sie sich selbst aus dem Totenlabyrinth befreien können? Wer half ihr dabei?

Text Martinelli 5 Signorina Martinelli probt mit dem Lautenisten John Dowland die ersten Kompositionsfragmente des Lamento d’Arianna von Claudio Monteverdi / So h ä t t e es sein können: Die Probe fand spontan und unvermittelt an einem kalten Mantuaner Morgen im Januar des Jahres 1608 im Hochzeitszimmer (Camera degli Sposi) des Palazzo Ducale di Mantova statt. Henry Purcell überlieferte diese Episode. Er, der Orpheus Britannicus, stand dabei etwas abseits und lauschte dem privaten Konzert der Beiden. Dies wunderbare Spiel inspirierte Purcell zu der Schauspielmusik Sweeter than roses (1695), die off-stage gesungen werden sollte um eine Verführung auf der Bühne im Schauspiel von Richard Norton (1666-1732), mit dem Titel Pausanius, the Betrayer of his country, einzuleiten: Sweeter than roses, or cool, cool evening breeze… Purcell wusste nicht, dass er nach dieser Komposition nicht mehr lange zu leben hatte. Neben all der schönen Musik, ist alles übersät mit Krankheit und Tod. Bitte Ruhe, wir wollen die Probenarbeit nicht stören! Text Martinelli 6 Odysseus schrieb an seine Penelope folgenden Brief nicht: Hier, meine liebe Penelope, eine musikalische Wegweisung und Begegnung mit mir. Stille versammelt sich. Harmonie und Rhythmus ordnen sich zu wundersamen Klängen. In der Trockenheit ruht das Feuchte. In meinem musikalischen Labyrinth gibt es Metall und Wasser. In einer Luftsäule, mit durchfluteten Röhrensystemen, wird unter riesigen Wasserfällen Musik erklingen. Stille wird man suchen müssen. Sirenen werden mit weichem runden Ton Träume aufpusten. Werden es zwei, drei oder gar vier Sirenen sein? Wird sich Parthenope mit ihrer Mädchenstimme vordrängeln können? Werde ich diesem Gesang verfallen? Warte auf mich Penelope! Text Martinelli 7 Eurydike/Caterinuccia schrieb auf jeden Fall ihrem Orpheus aus dem Totenreich: Ach Orpheus, mein Orpheus! Ich schrieb Dir unlängst über die Hintergründe von Gefühlen, die mich wärmen und Atem geben in Fülle. Dein Antlitz ist mir vertraut bis ins Mark, dass mir gibt und schaut und lindert so was wund. Gesegnet sei Dein Stimmchen mit dieser omnipotenten Lieblichkeit einnes singenden erwachsenen Knaben, der innig Dir, nur Dir zu Füßen liegen soll. Ein titanisches Gelächter aus dem Off, während Oberon die Blume Liebejeden gereicht wird. Ich wollt ich wär an diesem Abend, der uns betrunken vor Glück in den Armen, karg, am Rande der Wörter aushält und uns zuruft: “Komm geliebter Geliebter, halte mich wach für Dich, ganz sanft und fest, ganz nah und hier und jetzt…” – Wenn nicht der viel-zitierte Mond früh am lauthalsen Flügeltisch aufging und dickes Herzblut, melancholisch geklumpt, rostete so lalelu. Als ich von Dir für allerlei Momente an die Luft gezogen wurde. Rosig kühl dann, träumt’ ich Deine Lippen, die meine Phantasie ins Wangenkissen drückt. Seelenranke komm und stottre ins Gemüt. Zungenzwirn näh mühsam Liebesfingerhut zu Wörterläppchen, Gnadendeckchen. Verlier’ den Faden nicht! Apollo? Apollo! – Vater meines Orpheus. Zu klein die Zeit, der Raum und was weiß ich für dies Gefühl: nur fort hier – schnell! – und Luft für unser kleines Ziel.

Micro-Cosmos von Thomas Bremser

Im Sommer 1989 entstand die CD-Produktion mit der Bergischen Musikschule Wuppertal „Liebeskummer (un)gelöst“. Die Canzone von Paolo Quagliati „O bellezza gentile“ wird auch im Jahre 2009 in der Produktion „Caterinuccia“ erklingen.Im Dezember 1989 H-Moll Messe mit dem Stuttgarter Kammerchor unter der Leitung von Frieder Berniusim Herkulessaal in München. Vor dem Konzert, in dem der wunderbare Derek Lee Ragin den Altus sang, traf ich zufällig die Schauspielerin Christine Kaufmann, die mich indirekt zu der Beschäftigung mit Orpheus und Eurydike inspirierte. Während ich an einem anderen Tisch speiste, skizzierte ich kurz mein Projekt, dass ich ihr dann überbringen ließ. Auf diesem Papier stand auch die Telefonnummer meiner Mutter, Brunhilde Bremser, mit der sie sich, wie ich nach dem Konzert erfuhr, telefonisch lange unterhalten hatte. Schließlich bekam ich noch ein Telegramm von Frau K. aus Wien, was ich leider nie beantwortete. Und wie nah war die Assoziation mit der 17jährigen Frau K., die den Hollywood-Star Tony C. geheiratet hatte. Wenn das nicht die wahre Geschichte von Orpheus und Eurydike war. Aber halt! In der Mythologie stirbt Eurydike den zweifachen Tod. In meiner Geschichte soll sie leben, solange sie mag!

1990 startete ich einen erneuten Versuch und telefonierte mit Frau Hannelore Elsner über das Projekt. Natürlich hatte ich damals nicht die Produktionskosten zusammen, ließ mich aber weiterhin von den wunderbaren Büchern von Silke Leopold und Klaus Theweleit leiten.

Mit Frau Leopold fuhr ich Januar 1990 in ihrem Käfer direkt nach einem Konzert im „Apollosaal“ über den noch existierenden Checkpoint Charly in den Westen. Danach verlor sich das Thema Orpheus und Eurydike bei mir, weil ich ab 1991 ich an meiner eigenen Karriere bastelte. Es folgten 1992-1995 meine wirklich wunderbarsten Opernjahre unter der Intendanz von Michael Hampe.Erst 1996, mittlerweile seit 1992 im Ensemble der Kölner Oper und mit der Rolle des Hänsels in Humperdincks Oper betraut (Kinderoper Köln) kam das Thema Orpheus und Eurydike als Bruder-Schwester-Geschichte zu mir zurück. Letztendlich verursachte die WalküreProduktion von Kurt Horres den Schub nach vorne.

1999 entwickelte ich die Produktion „orfeotransition“ und „Zwei in Einem“.

2001 schied ich freiwillig und ein wenig desillusioniert über das subventionierte Operngeschäft aus dem Ensemble der Kölner Oper aus, um eine Ausbildung zum Logopäden zu machen. Da war leider kein Platz zum atmen mehr.

Ende 2003 entwickelte ich meinen MICRO-COSMOS anhand von drei mythischen Männergestalten unter dem Arbeitstitel Triumvirat:

Orpheus –Odysseus (ab 2011) –Der Messias (später), parallel unterrichtete ich meine Privatschüler im Fach Gesang.

Es begann Juni 2004 „Sommernachtsträume“ OaR1.6 (Liederabend mit Purcell/Händel/Schumann/Wagner/Britten)Weihnachten 2004 „Orpheus begegnet Jesus von Nazareth“ über das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ OaR2.6. Schließlich 2005 das Pasticcio, der prall-barocke Opernkrimi „Eurydike darf nicht sterben“ OaR3.6. 2006 pausierte ich. Auch 15 Jahre später , als ich die Produktionskosten gehabt hätte, sagte Frau E. nach anfänglichem Interesse über eine lange Zeit durch ihre Agentur das Projekt ab. Frau Judy W. war für die gealterte Eurydike nicht zu begeistern. Dieser Kontakt schlug genauso fehl, wie der Agentur-Kontakt mit Uwe F., den ich gerne als Apollo besetzt hätte. Irgendwie funktionierte das nicht so, und ich konzipierte dann 2007, ohne Promis, mit dem Komponisten und Lautenisten Thomas Bocklenberg die vierte Veranstaltung „John Dowland begegnet Orpheus in der Unterwelt“ OaR4.6. Danach ging ich ins „musikalische Exil“. Ende 2008 kam es zur erneuten Begegnung mit Bernd Mischke, Leiter der CapellaVocaleund mittlerweile Musikschulleiter der Bergischen Musikschule Wuppertal. Nun entstand die Idee zu „Caterinuccia“ OaR5.6 bei mir. Mit den Konzerten „Caterinuccia“ im Juni 2009 wird sich wieder einer meiner virtuellen Kreise schließen. Ein neuer Kreis wird 2010 beginnen…

Der rote Faden Den Faden verlieren Im übertragenen Sinne bedeutet Jemand hat den Faden verloren, dass jemand eine Argumentationskette nicht zu Ende führen kann oder sich nicht mehr erinnert, was zuletzt gesagt wurde. Der Ursprung der Redewendung ist unklar: Sie könnte sich auf den Ariadnefaden beziehen, der Theseus den Weg durch das Labyrinth des Minotauros wies. Wahrscheinlicher ist jedoch die Herkunft aus der Webersprache*, wo ein verlorener Faden u.a. Zeitverlust bedeutete, bis der Faden wieder aufgenommen werden konnte. Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen Weg oder auch eine Richtlinie. „Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch etwas“ bedeutet beispielsweise auch, dass man darin eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen kann. Der Begriff wird seit Goethes Wahlverwandtschaften im übertragenen Sinne verwendet. In den einleitenden Bemerkungen zu einem ersten Auszug aus Ottiliens Tagebuch, beschreibt er den Kennfaden der britischen Marine: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen“. Zweck des roten Fadens war, das Tau als Eigentum der Royal Navy auszuweisen. Quelle: Wikipedia *Ist Bottom the weaver (Zettel) aus dem Sommernachtstraum nicht so Einer in Zettels Traum? Ich hatt’ nen Traum… Hintergrund zur Bootsmannspfeife: Die Bootsmannspfeife war einst das einzige Mittel, außer der menschlichen Stimme, für die Befehlserteilung an Bord. Heute gibt es andere, verfeinerte Kommunikationssysteme, aber viele Marine-Mannschaften der Welt traditionsbewusst wie eh und je benutzen die Bootsmannspfeife als ein Zeichen des Respekts, wenn der Kapitän oder besondere Gäste an Bord kommen oder wichtige Befehle erteilt werden. Der Bootsmann war verantwortlich für die Segelmanöver, deshalb musste er häufiger als jeder andere Offizier Befehle weiterleiten. Die Pfeife wurde daher nach ihm benannt. In den alten Tagen waren die Matrosen gedrillt wie Schiffshunde und reagierten sofort auf den Pfeifton. Auf der See, in den Minuten der Gefahr besonders bei Sturm konnten sie den hochfrequenten Ton der Pfeife hören und dem ohne Verzögerung folgen. Befehle, die Segel zu hissen oder die Lunten der Kanonen zu löschen, wurden durch verschiedene Varianten der Töne vermittelt. Es ist bekannt, dass die Sklaven im römischen und im griechischen Reich nach einer Pfeife ähnlich der Bootsmannspfeife monotone Arbeiten verrichteten. Die Bootsmannspfeife wurde zuerst im dreizehnten Jahrhundert, während der Kreuzzüge auf englischen Schiffen gebraucht. Richtig bekannt wurde sie aber erst um 1670, als der „Lord High Admiral of the Navy“ eine goldene Pfeife als Rangabzeichen trug. Diese Pfeife ist als „Whistle of Honour“ in die Geschichte eingegangen. Die regulären Bootsmannspfeifen wurden damals aus Silber gefertigt, und die Offiziere haben ihren Namen darin eingraviert. Befehle der Bootsmannspfeife Eine Bootsmannpfeife (auch Bootsmannspfeife) ist eine metallene Signalpfeife, die an Bord von Schiffen eingesetzt wird. In der Ära der Großsegler diente die Bootsmannpfeife dem Bootsmann zur Weitergabe von Kommandos an die Schiffsmannschaft. Bereits in der Antike sollen römische Ruderer durch Pfeifen befehligt worden sein, in ihrer heutigen Form wurde die Bootsmannpfeife zuerst im 13. Jahrhundert auf englischen Segelschiffen eingesetzt. Obwohl sie nur die beiden Tonhöhen „hoch“ und „tief“ kennt, umfassten bestimmte Signalfolgen eine Vielzahl unterschiedlicher Kommandos. Der laute und schrille Klang übertönte dabei Wetter, See und die Eigengeräusche des Schiffs und unterbrach jede Unterhaltung an Bord. Der Aufbau der Pfeife ist einfach und enthält keine beweglichen Teile, ihr Gebrauch erfordert allerdings einige Übung. Über ein Mundstück wird der Luftstrom in ein enges Rohr geblasen, aus dessen Ende er mit hoher Geschwindigkeit auf eine offene Kugel trifft. Die Kante der Kugelöffnung dient dabei als Labium, ähnlich dem einer Orgelpfeife. Anblasen und Änderung der Handhaltung kann beim Pfeifen der Ton variiert werden. Grundsätzlich wird zwischen den Signaltönen „hoch“ und „tief“, der Tondauer und ihrer Abfolge unterschieden, auch Triller sind gebräuchlich. Die Instrumente werden aus Metall, meist Kupfer und Messing, gefertigt. Es sind aber auch versilberte und massiv silberne Ausführungen erhältlich und eine goldene Pfeife avancierte 1670 zur Insignie der obersten britischen Admiralität. Die Pfeifen der Deutschen Marine bestehen aus vernickeltem Messing. Je nach Dienstgrad des Benutzers werden sie dort auch Maaten- oder Bootsmannsmaatenpfeife genannt. In der heutigen Schifffahrt werden Befehle an die Mannschaft über Lautsprecher, Megaphone oder Bordfunk weitergegeben und die Bootsmannpfeife spielt nur noch beim Bordzeremoniell auf Militärschiffen eine größere Rolle. So steht jedem Offizier und Würdenträger, der an oder von Bord geht, ein Signal der Ehrerbietung zu: es wird „eine Seite gepfiffen“. Die Pfeife ist des Weiteren auch bei der Flaggenparade und bei der so genannten „Front“ im Einsatz. Eine traditionelle Verwendung findet sie ferner noch auf Segelschulschiffen wie der Gorch Fock, dort werden Befehle weiterhin durch Pfiffe gegeben oder angekündigt . Bootsmann, Deckoffizier, dem die Aufsicht über die Takelung, Anker und Boote zugeteilt ist; das Kommando erteilt er mit Hilfe der Bootsmannspfeife. In der Kaiserlichen Marine hieß sie noch Bootsmannspfeife, aber schon vor der Jahrhundertwende wurde sie fast nur noch von Maaten und Obermaaten gebraucht. Portepeeunteroffiziere benutzten wie Deckoffiziere die Batteriepfeife, eine einfache Trillerpfeife, die bis dahin nur den Offizieren vorbehalten war. Die Bootsmannsmaatenpfeife geht angeblich auf einen antiken Calamus (Schilfrohr) zurück, der mit einer kleinen Fruchtschale verbunden war. Aber auch im 13. Jahrhundert wird auf europäischen Schiffen vom Calamus gesprochen. Um 1670 soll eine solche Pfeife in Gold dem „Lord High Admiral of the Navy“ in Britannien verliehen worden sein. Derartige Stücke sind aus Silber ebenso überliefert wie aus anderen Metallen. Offiziere ließen sich auf das senkrechte Stück den Namen oder eine Widmung eingravieren. Die Handhabung der Pfeife ist eine besondere Kunst. Früher mußte der Besitzer sich eine neue Pfeife erst zurechtklopfen und feilen, um einen möglichst klaren und durchdringenden Ton herauszubringen. Sodann faßt man die Pfeife mit dem Daumen an der waagerechten Platte und greift mit dem Zeigefinger über das Rohr, um die Pfeife festzuhalten. Mit den übrigen drei Fingern kann man nun den Luftstrom abkneifen, um einen hohen Ton zu erzeugen, oder die Finger öffnen, um einen tieferen Ton zu erzielen. Durch Bewegen des Gaumenzäpfchens erreicht man einen leicht trillernden Ton. Die auf der Bootsmannsmaatenpfeife erzeugten Töne haben den großen Vorteil, daß sie auch hei schlechtem Wetter überall durchdringen. Beim Ertönen der Bootsmannsmaatenpfeife hat im Deck sofort Ruhe zu herrschen. Die Ausrede, die Pfeife nicht gehört zu haben, ist unzulässig. Da es der Stolz jedes Maaten ist, die Bootsmannsmaatenpfeife richtig zu beherrschen, fallen Schulschiffe in aller Welt dadurch auf, daß sich abends um die Zeit der Abendronde in Hafenschuppen und Ecken überall ein Maatenschüler oder Offiziersanwärter in der Kunst der Bootsmannsmaatenpfeife übt. Neben den hohen und tiefen Tönen und dem Trillern müssen natürlich die verschiedenen Signale beherrscht werden. Sie sind auf dem beiliegenden Blatt nach dem alten Dienst an Bord wiedergegeben. Dabei entspricht der unterste (tiefste) Ton einer offenen Handhaltung. Ihm folgt die halbgeschlossene Hand und darauf die geschlossene, und der höchste und durchdringende Ton wird mit der abgekniffenen Hand erreicht. Da der ältere Obergefreite z. B. als Fallreepsgefreiter bereits mit der Bootsrnannsmaatenpfeife umgehen können musste, um Seite zu pfeifen oder einen Befehl auszusingen, ist ein missglückter Pfiff für einen Unteroffizier höchst blamabel. Meist wird er durch den Ruf quittiert „Der letzte Wagen bleibt stehen!“, um an einen Eisenbahnbeamten zu erinnern. Die Bootsmannsmaatenpfeife ist mit fast gleichen Signalen heute wohl bei allen Marinen auf der Welt gebräuchlich. Besonders auf Segelschiffen hat sie sich zu allen Zeiten bewährt. Die Arbeitspfiffe sind hier beim rhythmischen Anziehen oder Losgeben von Leinen geradezu unerlässlich. Dabei ist zur Erklärung darauf hinzu weisen, dass auch die Ehrenbezeigung durch Seite-Pfeifen ursprünglich ein Arbeitsvorgang war. Mannschaft enterte an einem herabgelassenen Tau, einem Fallreep noch im 18. Jahrhundert an Bord. Für Offiziere wurde an diesem über einen Block laufenden Reep“ ein Korb oder Stuhl befestigt, in den sie einstiegen und darin durch die Fallreepsgasten nach dem Ton der Bootsmannsmaatenpfeife gleichmäßig vorgeheißt wurden. Als das am schwersten zu pfeifende Signal gilt das letzte „Alle Mann Schnaps empfangen“; es ist identisch mit „Besan Schot an !“ Es war dies auf den alten Rahsegelschiffen meist bei Segelmanövern die letzte, am wenigsten anstrengende Arbeit, nämlich das Anholen der Besanschot und Belegen. Da dies auf dem Achterdeck geschah, konnte der Kapitän bei Zufriedenheit mit dem Manöver die Männer mit einem Schnaps belohnen. Dass dazu alle auf das Achterdeck kamen, war selbstverständlich. Die gewohnten Befehle werden nach fast vorgeschriebenen Melodien ausgesungen und von erfahrenen Unteroffizieren mit Zusätzen versehen. Diese Zusätze müssen in der Melodie dem Haupttext entsprechen. Leider sind sie wie hier meist nur bruchstückweise aufgezeichnet. Den Seemann begleiten sie den ganzen Tag, vom ersten Locken fünf Minuten vor dem Wecken angefangen bis in die späten Abendstunden zum „Licht aus! Ruhe im Schiff“. Folgte auf das Locken noch das relativ gemütliche . „Diiie Backschafter sich klarmachen!“, war das Wecken schon weniger gemütlich. „Reise! Reise! Rut ut dem Schietkorb, Lüft an! Lüft an das Gatchen! Reise, Reise! Iiiiberall zurrt Hängematten! Antreten an Oherdeck zur Hängemattsmusterung!“ Nur Sonntags konnte es etwas gemütlicher sein. Dann folgte eine ganz alte Segelanweisung: „Zum Locken , Backbord voraus Laboe in Sicht, Hein Seemann Lüft dein A.. -gewicht“. Nach dem „Reise, Reise, Aufstehen!“, „Der Bäcker von Laboe ist da“ (Gemeint ist der weiße Leuchtturm!), „Die Waschfrau zeigt von achtern klar!“ (Das Leuchtfeuer Bülk zeigt klar zum Einschwenken nach Steuerbord), „Auf Soldaten reckt die Leiber!“ (Die Seesoldaten müssen sich klarmelden zum Postenstehen), „Die Pier steht voller wilder Weiber!“ (Die Duckdalben sind zu erkennen), „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Waschfrau kennt,..!“(Die Waschfrau kam mit dem Boot entgegen gerudert, um die Wäsche der Soldaten möglichst früh einzusammeln. sie wurde meist stürmisch begrüßt), „Reise, Reise! Aufstehen … !“ Solche und ähnliche oft recht originelle Nebensprüche gab es, wo es sich machen ließ, wohl zu jedem Befehl. Bis zum abendlichen „Liiicht aus! Rruhe im Schiff !“. Es folgte in verschiedenen Varianten: „Geiiister und Klabautermänner auf Stationen, Leute mit abstehenden Ohren auf die Back zum Segeln !“ usw., was dem Bootsmaaten der Wache an Unfug, der wohl geduldet wurde, gerade einfiel. Diese humorvollen Einlagen hatten bei der ständigen Anspannung des Dienstes, der Tag und Nacht gemacht werden musste, durchaus ihren belebenden Sinn. Heute würden wir sagen, der Streß und das Einerlei ließen sich leichter ertragen. Zu der Bootsmannsmaatenpfeife gehört außerdem das Pfeifenhändsel. Dieses knüpfte sich jeder Bootsmaat, der etwas auf sich hielt, aus einer Aneinanderreihung von Zierknoten meist aus Segelgarn selber. Also die Bootsmannspfeife gibt es seit dem 13ten Jh. und sie bestand damals aus antiken calamus (Schilfrohr) welches mit einer kleinen Fruchtschale verbunden war. Die Pfeife ist das einzige was selbst bei „Unwettern“ noch zu hören ist. Es gibt verschieden Signale unter anderem auch das wenn der Capt.das Schiff betritt. Seemännische Rituale wie das Tragen der Uniform, Einholen und Hissen der Fahne, feierliche Musik und das Blasen der Bootsmannspfeife geben der begleiteten Seebestattung ihre eigene Feierlickeit.Pfeiffen an Bord !!!!!!!!! Das Verbot hatte einen praktischen Grund. Auf den großen Rahschiffen hat der Bootsmann (mit der = Bootsmannspfeife) die Kommandos der Schiffsführung in Pfeifsignale umgesetzt, damit jene auch bei Sturm und Wind noch richtig bei Jan Maat ankamen. Ein dazwischen pfeifender Seemann hätte da einige Verwirrung stiften können. Deshalb hieß es nicht ohne Grund: An Bord pfeifen nur der Wind und der Bootsmann! Das schrägste Mitgebringsel Buttons? T-Shirts? Aufblasbare Schwerter? Alles langweilig. Das beste Gimmick gab es von Sunflowers, die zur „Anno 1791“-Präsentation eine klassische Bootsmannspfeife verteilten. Diese wurde und wird noch heute in der Seefahrt benutzt, um den Matrosen Kommandos zu geben oder den Kapitän beim an/von Bord gehen zu grüßen. Der helle Ton der Pfeife ist bestens dazu geeignet, die Kollegen in den Wahnsinn zu treiben. Sehr gut. Der Kerl hielt sich dran. Nach drei Minuten trat ich ihm ma ganz kurz auf seine Plattfüße, und ruck, zuck sachte er: „Amen.“ Ein Offizier nahm seine Bootsmannspfeife und pfiff dem Otto die letzte Seite, dat iss son ehrender, letzter Gruß bei die Seeleute. Vier Mann hoben den Tisch, marschierten damit zur Reling, neigten ihn und wuppdich, unser lieber Otto landete mit nem sauberen Köpper im schönen lauwarmen Mittelmeer. Die Mitglieder wollen durch ihre Tätigkeit das Leben an Bord eines Schiffes dieser Art vermitteln. Dazu wird bei Törns nach Wachplan Wache gegangen (nautisch und technisch), die Zeitmessung erfolgt nach „Glasen“, Kommandos werden mit der Bootsmannspfeife übermittelt, Flaggenparaden in Häfen durchgeführt, seemännische Arbeiten verrichtet (Knotenkunde, An-, Ablegemanöver, Schleusungen) usw. Mannschaftsmitglieder repräsentieren das Schiff in fremden Häfen und unterstützen im Ausland die Völkerverständigung. Hier soll der Funke der Begeisterung für alles Maritime überspringen und die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme deutlich werden. Teamwork wird großgeschrieben. Auch ist eine Ausbildung/Prüfungsvorbereitung für verschiedene Sportbootführerscheine angedacht.

Das Ende des Zyklus OaR 6.6 sollte die Aufführung der Marienvesper von Monteverdi in Wuppertal und Duisburg sein. Auch dieses Projekt führte ich nicht durch.

Aber es kommt wieder Neues und Schönes, bricht aus mir heraus und sucht Platz.

Thomas Bremser 27.03.2019